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12.12.2019

„China ist keine Marktwirtschaft in unserem Sinne.“ Prof. Dr. Hans-H. Bass hielt Vortrag über Chinas Rolle in der Weltwirtschaft

Auf Einladung der Volkshochschule Leer und des Europe Direct Informationszentrums hielt Prof. Dr. Hans-H. Bass einen Vortrag über Chinas aktuelle und künftige Rolle in der Weltwirtschaft. Bass ist Professor für Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Hochschule Bremen und beschäftigt sich seit 40 Jahren mit China.


Prof. Dr. Hans-H. Bass von der Hochschule Bremen betonte, dass China von hohen Wachstumsraten seiner Wirtschaft abhängig ist.

Prof. Dr. Hans-H. Bass von der Hochschule Bremen betonte, dass China von hohen Wachstumsraten seiner Wirtschaft abhängig ist.

In seinem Vortrag belegte er eindrucksvoll Chinas rasanten Aufstieg zur Wirtschaftsmacht. Dies sei unter anderem durch ausländische Direktinvestitionen gelungen. Dabei sei ein Technologietransfer nach China quasi eingebaut. Zudem sei es von 1990 bis 2015 gelungen, die Lücke in der Arbeitsproduktivität im Vergleich zu Europa zu schließen. Derzeit lege das Land bei der Innovationsstärke zu und lege damit die Saat für künftige Erfolge. Bass wagte die Prognose, dass das Auto der Zukunft aus China komme. Denn das Land strebe eine Technologieführerschaft bei der E-Mobilität und autonomen Fahrzeugen an.

Trotz der offensichtlichen Erfolge stehe das riesige Land allerdings vor zahlreichen Problemen. So sei die soziale Ungleichheit innerhalb des Landes enorm. Das Bruttoinlandsprodukt unterscheide sich in den Regionen Chinas um den Faktor 4 zwischen der boomenden Küste und dem landwirtschaftlich geprägten Binnenland. Zum Vergleich betonte Bass, dass wir in Europa einen Unterschied von einem 2,5-mal höheren Bruttoinlandsprodukt zwischen Deutschland und Bulgarien als Herausforderung empfinden. Außerdem würden die ökologischen Grenzen der rasanten Industrialisierung beispielsweise in Bezug auf Smog und vergiftete Flüsse immer deutlicher.

Bass sieht die größte Herausforderung für China allerdings darin, dass es auf Gedeih und Verderb auf ein konstant hohes Wirtschaftswachstum angewiesen ist. Dies sei nötig um den Strukturwandel abzufedern. Denn in China arbeiteten derzeit noch 28 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft. In Europa seien es lediglich 4 Prozent. Durch Produktivitätssteigerungen würden in der Landwirtschaft und zahlreichen anderen Berufen aber immer weniger Menschen benötigt. „In Europa gab es zu Zeiten der Industrialisierung dieselbe Situation“, erklärte Bass. Damals seien die Menschen in Scharen nach Amerika ausgewandert. In China strebten sie aus dem Binnenland in die industriellen Zentren an der Küste. „Solange es steigenden Wohlstand gibt, wird es keine Aufstände geben“, prognostizierte er. Darauf angesprochen, dass unser Planet ein dauerhaft hohes Wachstum nicht hergebe, antwortete Bass: „Wir haben einen aristokratischen Lebensstil. Kann man von Armen verlangen, dass sie freiwillig nicht unseren Wohlstand anstreben?“

Zu den aktuellen Auseinandersetzungen um die Demokratiebewegung in Hong Kong schätzte Bass, dass die Lage stark auf der Kippe steht. Einerseits könne der Konflikt auf China übergreifen. Andererseits glaube er, dass die Regierung sich das nicht mehr lange bieten lasse. Hemmungen vor einer militärischen Niederschlagung bestünden in erster Linie, weil Hong Kong der zentrale Finanzplatz für ganz Asien sei und das Kapital stets als „scheues Reh“ gelte.

Im Verhältnis zwischen Europa und China gebe es zahlreiche Auseinandersetzungen. Hier nannte Bass in erster Linie Dumpingpreise durch staatliche Subventionen wie kostenlose Stromversorgung und schlechte Arbeitssicherheit. „China ist bis heute keine Marktwirtschaft in unserem Sinne“, erklärte er. Auch sei es in China für ausländische Unternehmen schwer, an Staatsaufträge zu kommen.

Aus europäischer Sicht gebe es viele offene Fragen. Könne man die Krim-Annexion Russlands kritisieren ohne die Annexion Tibets durch China oder die Unterdrückung von Minderheiten wie der Uiguren zu thematisieren? Wollen wir Aufträge für europäische Infrastruktur an chinesische Staatsunternehmen vergeben? Brauchen wir mehr europäische Champions, also Unternehmen, die weltweit in ihrer Branche führend sind? Und sollen die dann ähnlich wie Airbus in den Bereichen Speichertechnologie, E-Mobilität oder Cloud-Technologie staatlich gefördert werden, wie es Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier fordert?


Über Prof. Dr. Hans H. Bass
Dr. Hans H. Bass ist Professor für Internationale Wirtschaft an der Hochschule Bremen. Er leitet dort das Institute for Transport and Development. Er hatte Gastprofessuren u.a. an der Tongji-Universität in Shanghai und der Jiaotong-Universität in Xi’an sowie in Japan, Russland, Usbekistan, Canada und Nigeria. Bass ist Mitglied im Team Europe, dem Expertendienst der Europäischen Kommission.


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